Das Restless Genital Syndrom

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    Beitrag  Admin am Di Aug 16, 2011 6:22 am

    Frauen mit Restless Genital Syndrome (RGS) wissen, dass permanente Stimulation alles andere als spaßig ist. Schon minimale Bewegungen reichen aus, sie zu erregen – bis zur Schmerzgrenze.
    Sogar beim Staubsaugen überkamen Joleen Baughman Wellen spontaner Erregung, wie sie der Zeitung „The Telegraph“ berichtete. Zuerst bejubelte die Frau aus dem US-Bundesstaat New Mexico demnach gemeinsam mit ihrem Mann den neugewonnenen Sexualtrieb. Bald aber schlug die Freude ins Gegenteil um, denn die Dauererregung machte ihr Leben „unerträglich“. Besonders schlimm sei es im Sitzen, etwa während Auto- und Zugfahrten, sagte Baughman. Auch enge Kleidung oder Unterwäsche üben auf Betroffene einen schmerzhaft starken Reiz aus.

    So oder so ähnlich äußert sich das Restless Genital Syndrome, zu deutsch „Rastloses-Genital-Syndrom“, bei allen Betroffenen. Es handelt sich bislang ausschließlich um Frauen. Sie berichten von außergewöhnlich starken, unkontrollierbaren Empfindungen im Intimbereich. Von sexuellen Fantasien völlig unabhängig fühlt es sich an, als befänden sie sich permanent auf der Schwelle zum Orgasmus. Die starken Empfindungen terrorisieren die Frauen regelrecht. Bisweilen entlädt sich die Spannung auch in spontanen Höhepunkten. Sich währenddessen auf die Arbeit zu konzentrieren, ist undenkbar.

    Nervtötendes Kribbeln und Kitzeln
    Mit gesundem sexuellen Verlangen hat ein RGS nicht das Geringste zu tun – die ständige, körperliche Erregung führt zu Unbehagen und Schmerz. Wenn Frauen der lästigen Lust nachgeben und Geschlechtsverkehr haben oder masturbieren, bringt das auch keine Linderung: Ein Orgasmus hilft nur kurzfristig, innerhalb weniger Stunden kehren die irritierenden Reaktionen zurück – manchmal gar heftiger als vorher.

    Die Forschungsgruppe des niederländischen Neuropsychiaters Marcel Waldinger widmete sich dem Problem in einer umfangreichen Studie. Als Ursache fanden die Utrechter Forscher eine Schädigung des dorsalen Klitoris-Nervs. Dieser ist das kurze Endstück des größeren „Schamnervs“. Bei drei der 23 untersuchten Frauen führte leichte Berührung im Test zu wiederholten Spontan-Orgasmen. Oft begleitet das RGS entweder das Restless-Legs-Syndrom oder häufiger Harndrang, manchmal beides. Auch unter einer überempfindlichen Harnröhre litten die Testpersonen überdurchschnittlich häufig. Bei vielen betroffenen Frauen fanden die Wissenschaftler zudem Krampfadern in der Beckengegend.

    Typischerweise verläuft das RGS zyklisch: Über Wochen und Monate hinweg können die Beschwerden anhalten, dann plötzlich verschwinden – und wieder auftauchen. In seltenen Fällen erfahren Frauen Spontanheilung: Das Syndrom verschwindet von allein und für immer.

    Dauererregt durch Wii-Unfall?
    Besonders oft trifft das RGS Frauen nach der Menopause oder solche, die sich einer Hormonbehandlung unterzogen haben. Jüngere leiden deutlich seltener darunter, ganz davor gefeit sind aber auch sie nicht. Die Schädigung des Klitorisnervs kann auch ein Unfall hervorrufen, wie im Fall der 41-jährigen Joleen Baughman. Erst nach einem Autounfall, durch den ihre Wirbelsäule und der Schamnerv geschädigt wurden, suchte die nervtötende Erregung sie heim. Im Fall einer anderen Betroffenen soll nach diversen Zeitungsberichten sogar ein Sturz vom Balance Board der Nintendo-Konsole Wii das Syndrom ausgelöst haben.

    Das RGS ist sehr selten, genaue Angaben zu seiner Häufigkeit gibt es aber noch nicht. Die Dunkelziffer dürfte jedoch vergleichsweise hoch liegen: Betroffene Frauen schämen sich ihrer Krankheit und sprechen mit kaum jemandem darüber. Kein Wunder – der Rest der Welt würde vermutlich ohnehin nicht verstehen, wo das Problem liegt. Dieses Gefühl des Alleingelassen-Seins führt bei vielen Frauen mit RGS zu psychischen Folgeerkrankungen: In der Studie des niederländischen Neuropsychiaters Marcel Waldinger klagten alle 23 untersuchten Frauen über Phasen depressiver Verstimmung, obwohl sie vor dem RGS an keiner psychischen Krankheit litten.

    Viele Namen, eine Krankheit
    Erstmals beschrieb die Sexualtherapeutin Sandra Leiblum die Störung im Jahr 2001, sie nannte sie PSAS – Persistent Sexual Arousal Syndrom. Fünf Jahre später, als klar wurde, dass das Syndrom nicht mit sexuellen Fantasien zusammenhängt, wurde es umbenannt in PGAD – Persistent Genital Arousal Disorder. Als Marcel Waldinger schließlich herausfand, dass das Krankheitsbild und auch die Empfindungen der Frauen dem Restless Legs Syndrom ähneln und sogar oft mit diesem einhergehen, korrigierte er die Benennung erneut.
    Eine normierte Behandlung für das RGS gibt es noch nicht. Die Diagnose stellt der Arzt mithilfe verschiedener Laboruntersuchungen, EEG, Magnetresonanztherapie und taktilen Tests. Eine medikamentöse Therapie, beispielsweise mit dem Beruhigungsmittel Oxazepam, kann die Symptome lindern, nicht aber verschwinden lassen. Auch eine transkutane elektrische Stimulation des betroffenen Nervs kann Erfolg bringen.

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